Der franz. Anglo-Araber

 

© Otmar Beyer de Béhaux

 

Versuche, von den zwei Vollblutrassen ausgehend eine neue Rasse zugründen, welche die Qualitäten der beiden Ausgangsrassen in sich vereinigt sind in vielen europäischen Ländern gemacht worden. Polen und Ungarn mit ihren bekannten Arabergestüten, aber auch in Deutschland, vorallem Zweibrücken - 1775, waren bekannt für diese Versuche. Eine deutsche Rasse wird im allgemeinen als dem Anglo-Araber sehr eng verwandt angesehen, der Trakehner. Dieses kommt weniger von dem Willen einen deutschen Anglo zu züchten, als von der Tatsache, das seit mehr als einhundert Jahren nur Anglo-Araber, englische Vollblüter und Araber als Veredler eingesetzt wurden. Und trotzdem wird der Anglo-Araber heute als eine französische Rasse angesehen. Die Gründe hierfür sind die grosse Verbreitung und die Bedeutung, die diese Rasse dort erlangt haben. Natürlich gibt es auch 'richtige' deutsche, polnische, ungarische und andere Anglo-Araber, nur sind diese in ihren Ländern eine verschwindende Minderheit und ohne jegliche Bedeutung. Und trotzdem haben Anglo-Araber immer eine grosse Rolle in der Geschichte der pferdezüchtenden Nationen gespielt.

Erinnert sei hier an die Trakehner und ihre Rolle in Preussen und später im Kaiserreich, die gleichen Funktionen wurden vom französischen AA in Frankreich erfüllt. Weiterhin gibt es einen polnischen Anglo-Araber, der in fast allen deutschen Zuchtgebieten eine enorme Rolle gespielt hat, und über einen seiner Enkel eine europäische Figur geworden ist : Ramzes.

Die Anfänge der französischen Anglo-Zucht

Die offiziellen Anfänge der AA-Zucht in Frankreich sind die Jahre, welche Mr Gayot als Direktor des Nationalgestüts in Pompadour sahen. Erste Versuche hatten jedoch schon fast 100 Jahre früher in der Normandie stattgefunden, wo arabische Hengste mit englischen Stuten gekreuzt wurden.

Durch die Revolution und das Konsulat, das Embargo gegen England und die gleichzeitig sehr guten Verbindungen zum Orient, fanden orientalische Hengste starke Verbreitung in Frankreich und wurden zur Veredelung der lokalen Rassen benutzt. Erst die Restauration und die neuaufgenommen Verbindungen mit Grossbritannien ermöglichten seit 1820 eine erneute Einfuhr englischer Hengste und Stuten. Diese neuen Einfuhren, besonders die der Stuten erwiesen sich als sehr wichtig für die spätere Entwicklung der anglo-arabischen Rasse, genau wie die Wiedereröffnung der Nationalgestüte im Jahre 1833. Die Stuten eines ganzen Gestüts, Rosières, wurden, bis zur Aufgabe dieser Experimente 1843, diesen Kreuzungsversuchen gewidmet. Diese Versuche brachten vorzügliche Resultate und die Produkte finden Verbreitung in ganz West- und Südwestfrankreich.

Drei Persönlichkeiten spielen für den Anglo-Araber eine grosse Rolle : Gayot, Lespinats und Bonneval, alle drei waren Direktoren in den Nationalgestüten Le Pin oder Pompadour, wenn auch in verschiedenen Epochen. In den 20iger und 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts schuf Mr de Bonneval in Le Pin mit seinen arabisch-englischen Kreuzung die Grundlage, auf der Gayot dann aufbauen konnte. Mr de Lespinats in Pompadour schuf eine stark von arabischem Blut geprägte Stutenherde. Als Gayot, zuerst Direktor in Le Pin, dann nach Pompadour versetzt wurde, folgte ihm die ganze anglo-arabische 'Familie'. Gayot wird offiziell als der Begründer des Anglo-Arabers angesehen.

Der Anglo-Araber und sein Stutbuch

Die Idee, die hinter den Versuchen von Gayot stand, war die Entwicklung eines 'französischen Vollblutes'. Dieses Pferd sollte den harmonischen Mitteltyp zwischen seinen Ausgangsrassen verkörpern. Es sollte mehr Linie haben als der Araber, grösser sein, mit mehr Körper und Rahmen und stärkeren Gliedern. Dem Engländer gegenüber hat er mehr Rippe, er ist weniger lang und ist ausgeglichener im Charakter und im Temperament. Er soll die Gutmütigkeit des Arabers mit dem Leistungswillen des Engländers verbinden. Diese Vorteile zusammengefasst sollen dieser Rasse den Einsatz in allen reiterlichen Bereichen ermöglichen.

Das Stutbucht dieser Rasse wird im Jahre 1880 eröffnet; gleichzeitig wird der Minimalprozentsatz arabischen Blutes definiert : 25 %. Der Anglo-Araber wird seit 1860 in Rennen eingesetzt, Halblutrennen, und 1874 wird die 1843 abgeschaffte Stutenherde von Pompadour wiedergegründet und für den Anglo-Araber eingesetzt. Den ersten Höhepunkt erreicht die Rasse Ende des vergangenen Jahrhunderts und Anfang dieses Jahrhunderts mit ihrer Benutzung als leichtes Kavalleriepferd. Aber schon die ersten Anzeichen zwischen den Kriegen werden von den Züchtern richtig erkannt und die Reorientierung dieser Rasse zum Sportpferd wird immer stärker.

1942 wird das AA-Halbblut in das AA-Stutbuch integriert. Und 1974/76 erhält es ebenfalls erneut die Anglos, die weniger als 25% arabisches Blut führen, nachdem diese 1965 im neugegründeten SF-Stutbuch aufgegangen waren.

Die Rasse umfasst Ende der 80iger Jahre unseres Jahrhunderts 264 gekörte Hengste und knapp 2000 Stuten. Jedes Jahr werden ca 1500 Eintragungen vorgenommen.

Die Selektion erfolgt auf ganz klassische Art, genau wie in anderen Zuchtbüchern auch : Zuchtschauen mit einer Modellbeurteilung, dreijährig unter dem Sattel, Fohlenbesichtigungen, Zuchtstutenschauen, die Eintragungsschauen mit der Exterieurbeurteilung und schliesslich die Körung der Hengste.

Anschliessend die Leistungsselektion, hauptsächlich im Rennen, aber auch in der Dressur, im Springen und in der Vielseitigkeit, die dem Züchter die Zuchtprämien bringen und die besondere Zuchtstutenprämie, die unserer Staatsprämie ähnlich ist.

Diese Entwicklung hat natürlich auch Einfluss auf den Typ der Rasse und diesem Typ wird nur in der Modellbeurteilung Rechnung getragen.

Wie soll diese Rasse sich jetzt weiterentwickeln. Soll sie in ihrem Typ bleiben, das heisst eher klein, mit viel Temperament, Leistungswillen und sensibel? Oder soll sie den Leistungsprüfungen folgen? Dieses würde dann automatisch ein Zweiteilung des Types zur Folge haben, den ursprünglichen AA-Typ und den neuen AA-Sporttyp. Ersterer wird vertreten durch die Rennpferde, der zweite durch die Sportpferde der anderen Disziplinen.

Das Hochzuchtgebiet

Die im letzten Jahrhundert erfolgte Konzentration macht sich heute noch bemerkbar : das Hochzuchtgebiet dehnt sich um die Nationalgestüte des Südwestens und Westens aus. Hier in Pompadour, Tarbes und Pau stand zwar nicht die Wiege des Anglos, aber hier wurde er aus der Taufe gehoben. Das Hochzuchtgebiet befindet sich jedoch in Ausdehnung und die Nationalgestüte Angers, Uzes, Rodez und Saintes erreichen qualitätsmässig fast die Ursprungsgebiete.

Die heutige Bedeutung des Anglo-Arabers

Wenn man sich die Deckzahlen anschaut, erkennt man sofort die neue Bedeutung dieser Rasse. Die gekörten AA-Hengste haben insgesamt mehr als 6500 Stuten gedeckt, d.h., dass fast 4500 Deckakte ausserhalb der eigenen Rasse stattgefunden haben. Diese Tendenz, zusammen mit der Ausdehnung des Hochzuchtgebietes, machen aus der ehemaligen lokalen Rasse eine Rasse mit stark nationaler Bedeutung. Diese Bedeutung liegt weniger in der ehemaligen Benutzung als Rennpferd oder als leichtes Kavalleriepferd, sondern vielmehr im Sport und vorallem aber in der Benutzung als Veredler.

Der Anglo besitzt heute seine Existenzberechtigung als Sportpferd in allen Disziplinen. Berühmte Namen erscheinen in seinem Zuchtbuch, berühmte Namen in Dressur Linon - Harpagon - Hava - Epsom, in der Vielseitigkeit Aiglonne - Nicias - Jet Crub, und im Springen Ali Baba. - Jiva - Grand Coeur. Die Bedeutung des Anglo-Araber liegt jedoch weniger in seinen berühmten Namen, als in der Regelmässigkeit, mit der die Pferde dieser Rasse sich in den verschiedenen Disziplinen im Kopffeld plazieren.

Die grösste Bedeutung kommt ihm jedoch in der Zucht als Veredler zu. In Frankreich hat er das englische Vollblut in dieser Rolle schon überflügelt. Jedes Nationalgestüt, ohne Ausnahme, hat wenigstens einen Anglo-Araber in seine Effektiven. Diese Anglos gründen dann mit Vorbuchstuten neue Familien im Rahmen des SF-Zuchtbuches. Viele AAs haben eine grosse Bedeutung für das SF-Zuchtbuch erlangt, man denkt dann an Hengste wie Navarin, Nickel oder Laurier.

Auch das Ausland ist stark an französischen AA interessiert. Japan, Holland, Schweden, Irland sind regelmässig Einkäufer auf den Auktionen. Auch die verschiedenen deutschen Zuchtbücher haben schon glückliche Einkäufe hier getätigt. Man denke nur an Inschallah, Zeus - 3/4 AA, Matcho, Panchero, Upan und andere. In Deutschland ist es allen voran das Oldenburger Zuchtbuch, das sich in Frankreich vorzügliche Pferde eingekauft hat, nicht nur Anglo-Araber, sondern auch Selle Français Hengste.

Der Anglo-Araber und die Zuchtwertschätzung

In der Zuchtwertschätzung schneidet der Anglo-Araber jedoch relativ schlecht ab, genau wie die andere grosse Veredlungsrasse, das englische Vollblut. Ganz selten findet man überdurchschnittlich gute Vererber und ich spreche noch nicht von Hengsten wie Landgraf, Werther, Ramiro, Pilot und Lord oder ihren französischen 'Kollegen' Alme, Grand Veneur, Uriel, Kultimate und Jalisco B. Von den 100 besten französischen Hengsten oder Wallachen mit Eigen- oder Nachkommenleistung sind nur 3 Anglo-Araber. Ausserdem sind diese 3 Anglos auch nur im Mittelfeld bzw am unteren Ende dieser Liste zu finden. Bei den Stuten sieht es leider auch nicht besser aus. Zwei stehen in der gleichen Liste die Stuten betreffend; jedoch klassiert sich die erste dieser beiden Stuten unter den besten 10.

Ganz allgemein kann man sagen, dass die Anglos keine Spitzenleistungsvererber sind, sondern sich eher im Mittelfeld, dafür aber, wie schon gesagt, regelmässiger vererben. Ihr Zuchtwert liegt im allgemeinen zwischen 10 - 15, natürlich mit Ausnahmen, sowohl nach oben als auch nach unten.

Sie stellen jedoch hervorragendes Zuchtmaterial dar, da sie oft in den hinteren Generationen von Spitzenleistungspferden zu finden sind.