Condrieu xx

oder

der ungewünschter Abschied aus der Zucht ?

 

© Otmar Beyer de Béhaux

 

Es gibt Hengste, deren Verschwinden aus der Zucht fast unbemerkt bleiben und es gibt die anderen, deren Nichtwiederaufstellung stark kritisiert wird. Ob ein Hengst dabei zu der einen oder anderen Kategorie gehört ist für den Zuchtfortschritt selbst unerheblich. Erst nach Jahren werden Fehler erkannt, die das Ausscheiden eines Hengstes aus der Zucht nachsichgezogen haben.

So war ich sehr erstaunt, als ich Condrieu xx nicht mehr in der Stationierungsliste 1995 fand. Und ich war sogar enttäuscht, als ich dann beim Holsteiner Verband als Antwort auf meine Anfrage erhielt, daß der Hengst zum Verkauf stehe !

Warum wird ein Hengst aus der Zucht genommen, der erst zwei Jahre im Deckeinsatz steht und dessen erster Fohlenjahrgang gut war ?

Wie ich ja schon im November letzten Jahres in der Zuchtbilanz der Vollblutveredler (Reiter Revue 11/94, Boom der Veredler, Seite 74/75) schrieb, liegt der Hauptmangel der Vererbung Condrieus in den nur durchschnittlichen Grundgangarten. Darüberhinaus wurden aber vier Hengst- und fünf Stutfohlen prämiert, womit er besser abschnitt als die meisten seiner Vollblutkollegen, der Grund des Ausscheidens müßte also anderswo gesucht werden.

Ist diese " schlechte " Vererbung der einzige Grund für das Ausscheiden aus der Zucht ? und wenn ja, ist der Hengst dann nicht etwas voreilig beurteilt worden ? oder bin ich einfach nicht objektiv und nur enttäuscht, weil ich meine Stute von ihm decken lassen wollte ?

Schauen wir uns doch den Hengst und seine Abstammung etwas näher an ! Wie viele seiner Kollegen ist Condrieu in Frankreich geboren und dort in Rennen gelaufen. Frankreich besitzt eine Vollblutzucht, die zu den besten der Welt gehört und das französische Rennprogramm ist das kompletteste in Europa, noch vor dem englisch-irischen. Die französische Vollblutzucht selbst steht zwischen den Fronten der Verfechter eines Kurzstreckenprogramms nach amerikanischem Vorbild und denen eines stark klassisch geprägten Programmes. Dies ist sicher mitentscheidend für den starken Trend der Holsteiner französische Vollblüter einzusetzen, den noch ist das Exterieur das wichtigste Kriterium zum Deckeinsatz in der Warmblutzucht. Und die Warmblutzüchter, und damit auch die Zuchtleitungen der Zuchtbücher, ziehen den etwas größeren, feineren Typ der Vollblüter, welche die klassichen oder sogar die langen Distanzen laufen, den Kurzstreckenpferden vor, die oft kleiner, grober und weniger edel sind und darüber hinaus auch sehr oft eine übermäßig stark entwickelte Hinterhand haben, die den Gesamteindruck sehr verzerrt.

Condrieu gehört zu den französischen Vollblütern, welche über die klassischen Distanzen liefen, von ca 1800 Meter bis zu 2400 Metern. Mit knapp 167 cm Stockmaß ist er für einen modernen Vollblüter schon recht groß, für einen Warmblutveredler liegt er damit an der unteren Grenze. Ausbalanciert wird diese geringe Größe durch die großen Linien und die hervorragend gelagerte Schulter. Auch seine gute Oberlinie könnte der Holsteiner Zucht nur helfen, da der weiche Rücken einer der stark verbreiteten Fehler ist. Alles in allem kann man mit dem Exterieur sehr zufrieden sein, was ja vor zwei Jahren mit der Aufstellung des Hengstes auch bestätigt wurde. Hier kann also auch nicht der Gund der Nichtwiederaufstellung liegen.

Ähnliches gilt auch für die Abstammung, die ja damals auch schon bekannt war. Hier muß man jedoch schon einschränken, denn es lagen viele Fehler in den ersten drei Generationen der Abstammung vor und die folgenden Ahnen waren unbekannt, unbekannt im Sinne von der Körkommission und der Zuchtleitung unbekannt. Gerade in der Abstammung liegt jedoch die Besonderheit dieses Hengstes.

Condrieu stammt von Top Ville aus einer Tepukei-Tochter. Diese Namen werden den Nichtvollblutzüchtern genauso wenig sagen wie den Nichtzüchtern ganz allgemein. Sagt man aber, daß Top Ville ein Sohn des großen High Tops aus einer Charlottesville - Tantième - Tochter ist, dann weiß auch der Warmblutzüchter schon mehr. Condrieu’s Mutter stammt von Tepukei aus einer Cracksman - Mieuxce - Stute, auch diese Namen werden den normalen Pferdemenschen nichts sagen. Tepukei ist einer der letzten Enkel von Court Martial in der Vaterlinie. Mutter’s Großvater ist Donatello, einer der ganz großen Steher der 30iger Jahre. Cracksman ist ein Enkel von Precipitation, der allen Warmblutzüchtern ja als Vater Furioso’s bekannt sein sollte.

Weiterhin stammt der Hengst aus einem ganz hervorragenden Mutterstamm, jenem, welcher der Vollblutzucht Nearctic brachte. Damit ist er auch ein enger Verwandter zu dem neuen Vollblutstarvererber der Holsteiner, Sir Shostakovich, der aus dem gleichen Zweig dieser Vollblutfamilie stammt.

Schaut man sich dann die Abstammungen der anderen in der Warmblutzucht stehenden Vollblutbeschäler an, dann fallen die gemeinsamen Ahnen, also daß Zusammenpassen, auf.

Als Verfechter des Vollbluteinsatzes in der Warmblutzucht stehe ich gut bedachten Anpaarungen von einem Vollblut mit einer Vollbluttochter absolut nicht negativ gegenüber. Gerade die Holsteiner und der Selle Français haben mit derartigen Anpaarungen schon hervorragende Ergebnisse erreicht, manchmal schon in der ersten, manchmal erst in der zweiten Generation, wie die Namen von Erioso (Rantzau x Furioso), Campione (Sacramento Song - Cottage Son - Mutter), Lord (Ladykiller x Cottage Son), Chirac (Waldenser x Marlon), Falkner (Ladykiller - Anblick - Mutter), Brilloso (Furioso x Red Star), Geisha N (Night And Day x Furioso), Gazelle (L’Alcazar x Ivanoë) um nur die bekanntesten Beispiel zu nennen.

Nimmt man die Hengste Lauries Crusader, Salient, Sir Shostakovich und Sunset Boulevard und paart sie an eine Condrieu - Stute an, oder umgekehrt, so wird man auf jeden Fall hochinteressant gezogene Pferde erhalten. Lauries Crusader und Salient sind beide für eine Vererbung von guten Grundgangarten bekannt.

Über diese vier speziell aufgezählten Hengste hinaus, bietet Condrieu hervorragende Verbindungen zu den noch in der Zucht stehenden Hengsten Barnaul, Exorbitant, Grundyman, King Milford, Silbersee und Sunlight.

Daraus folgere ich, daß die Abstammung auch nicht der Abschiebungsgrund sein kann ! Warum also ist der Hengst aus der Zucht geschieden ? Warum wurden die Züchter nicht informiert ?

Meine Damen und Herren der Zuchtleitungen, warum halten sie die Züchter immer noch für unmündige Kinder, denen man beliebige Hengste vorsetzen und dann nach kurzer, zu kurzer, Zeit wie fortnehmen kann. Etwas mehr Transparenz im Zuchtgeschäft würde uns alle zum Vorteil gerreichen ! Den nur der, der den Durchblick hat, kann auf lange Zeit planen und Zucht, speziell Pferdezucht mit ihren immensen Zuchtintervallen, kann nur auf lange Zeit angelegt sein.